Warum nicht einfach mal Angst haben?

Als Kind war ich gerne in der Geisterbahn. Wie unheimlich! Man wusste nie, hinter welche Ecke sich etwas bewegt, etwas herunterfällt oder etwas plötzlich Geräusche macht. Wow! Was für ein tolles Gefühl. Ein bisschen Angst haben und feststellen, dass man es schafft und es sich richtig gut anfühlt.

Oder der Sprungturm im Freibad. Erster Sprung vom 1-Meter-Brett. Das ist leicht. Dann rauf auf den Dreier. Ein zweiter Sprung mit Anlauf. Ein dritter Sprung, bei dem vorne auf dem Brett so richtig hoch gefedert wurde. Und dann der 5-Meter-Turm. Oder doch nicht? Mann, ist das hoch! Aber die Treppe ist auch keine gute Alternative. Dann schnell runter. – Hat geklappt. War gar nicht schlimm.

Mir fallen ganz viele Situationen ein, wo ich als Kind Angst hatte und es dann doch irgendwann gemacht habe. Manche Sachen nicht direkt. Der 5-Meter-Turm hat bei mir recht lange gedauert. Und danach kam meistens die Erfahrung: War gar nicht schlimm. Manche Dinge musste ich jetzt auch nicht ewig oft wiederholen. Aber schlimm war es wirklich nie, ganz egal ob es die hohe, steile Rutsche war, eine besondere Schaukel, ein Gedicht aufsagen, Klavier spielen vor Publikum, die schwarze, dunkle Rutsche im Schwimmbad, der große Hund, der wirklich so lieb war, wie Herrchen gesagt hat.

Und dann hat es aufgehört. Ich weiß nicht genau, wann oder womit es aufgehört hat. Aber ich habe aufgehört, Dinge auszuprobieren, die mir Angst machen. Und damit habe ich auch aufgehört die Erfahrung zu machen, dass ich es kann und dass es gar nicht schlimm ist. In vielen Fällen ist es sogar nicht nur nicht schlimm, sondern macht richtig Spaß!

Damit fallen viele Dinge weg.

Das habe ich gemerkt, als ich mit meiner Familie in einem Spiel- und Freizeitpark war. Wenn ich nur die Spielgeräte benutze, die in meiner Komfortzone liegen, bleibt nicht viel übrig. Und das, was ich dann tue, ist „nett“. Ja, also nett war es schon. Aber ein Highlight war es oft nicht. Die normale Schaukel statt der Schaukel über die Schlucht ist halt wirklich nur „nett“.

Dann habe ich mich von meiner Nichte und meinem Neffen anstecken lassen und habe Spielgeräte ausprobiert. Meine Güte! Da hatte ich so richtig Angst! So richtig! Eine Rutsche, die so steil war, dass meine Füße unendlich viel tiefer waren als mein Kopf. Wie soll ich das nur überstehen? Gar kein Problem. Hat sogar Spaß gemacht! Die Achterbahn (für Kinder ab 4 Jahren – ja, das ist mir peinlich!) hat gekribbelt und ich habe mich lebendig gefühlt. Die Rutsche mit den Reifen, wo man nicht sehen kann, was kommt. Der aufgepustete Eisberg, den man barfuß erklimmen muss und wo man doch immer wieder abrutscht.

Hatte ich bei den Aktivitäten Angst? Oh ja! Meine Nichte und mein Neffe, damals 11 und 8 Jahre, haben mich unterstützt und mir richtig viel Mut gemacht. Es war mir deutlich anzusehen, dass ich mich schrecklich fürchte.

Und danach? Noch Mal! Nicht bei allem natürlich. Aber viele Dinge haben richtig viel Spaß gemacht, haben gekribbelt und sich gut angefühlt. War nicht schlimm. Ich kann das. Dann kann ich noch viel mehr!

Es ist so schade, dass wir aufhören, Dinge auszuprobieren und dass wir keine Grenzen mehr hinterfragen. So ging es mir zumindest. Und das gilt nicht nur für Spielgeräte. Das gilt auch fürs Lernen und Prüfungen, Veranstaltungen zu besuchen oder zu leiten, vor Menschen zu sprechen oder zu schweigen, uns zu zeigen wie wir sind. Es gilt für den ersten Urlaub alleine oder die Flugreise, Menschen kennenzulernen und mal ganz alleine zu sein. Ach, es gilt für unendlich viele Dinge und ich will noch ganz viel ausprobieren, von dem ich jetzt noch gar nicht weiß, dass es für mich in Frage kommt.

Ist die Angst schlimm?

Unangenehm ist die Angst schon. Wer mag sich schon so eng fühlen mit angespannten Muskeln und merkwürdigen Gefühlen im Magen-Darm? Das Lieblingsgefühl ist es definitiv nicht. Aber danach ist der Hammer! Es fühlt sich so frei an, so weit und offen und begeistert.

Und wenn ich dieses kann, dann kann ich noch viel mehr! Das gilt für alles!

Wenn ich diese Rutsche herunterrutschen kann, dann kann ich auch die Klausur schaffen. Wenn ich die Klausur schaffe, dann schaffe ich auch die mündliche Prüfung. Wenn ich die mündliche Prüfung schaffe, dann kann ich auch mein Gehalt verhandeln. Und so weiter und so weiter!

Also: Lasst uns mehr Angst haben und tolle Dinge erleben!

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